Siebenstellige Zauberformel gegen die Bürokratie
Mittwoch, 09. April 2008Die Autoversicherer können am Telefon oder per Mail eine Codenummer zur Bestätigung vergeben. So wird die Doppelkarte überflüssig
Ein Zauberwort wird vom Versicherungsmann durchs Telefon gesprochen. Es heißt, sagen wir mal Vauhakateekuhzetfünf und kann wahre Wunder bewirken: Wenn man als braver Bürger das Zauberwort in einem Amtszimmer aufsagt, dann verkürzt sich die Dauer des Behördengangs. Konkret ist so ein Zauberwort nichts anderes als ein Code aus sieben Buchstaben oder Zahlen und nennt sich – in schönstem Amtsdeutsch – elektronische Versicherungsbestätigung (EVB). Dieser Code wird von Kfz-Versicherungen seit dem 1. März mit der herkömmlichen Doppelkarte vergeben und soll die Zulassung von Fahrzeugen vereinfachen – vorausgesetzt, die Ämter verfügen über die entsprechende Software, um das Zauberwort zu entschlüsseln.
Seit einigen Tagen funktioniert dieses System in der Meininger Zulassungsstelle. Dort hat sich Axel Möller an der Abreissrolle eine Karte mit der Nummer 39 gezogen. Nach 38 anderen Leuten ist der Versicherungsfachmann an der Reihe und will gleich zwei Autos zulassen; ein kostenloser Service für seine Kunden. „Natürlich habe ich die Doppelkarten sicherheitshalber mitgebracht, falls mit dem Nummerncode etwas nicht funktioniert. Das System ist ja noch ganz frisch. Aber dieser neue Code steht ja sowieso hier drauf“, sagt er und zeigt zwei Doppelkarten.
Für Axel Möller und die Kfz-Sachbearbeiterin auf der anderen Seite des Tresens verkürzt sich die Bearbeitungszeit. „Um etwa ein bis zwei Minuten“, sagt die Frau von der Zulassungsstelle, während sie mit einem Fahrzeugbrief raschelt. Für sie wird der bürokratische Aufwand deutlich geringer: Statt eines kompletten Datensatzes mit Name und Adresse muss sie nur noch den siebenstelligen Code von der Doppelkarte abtippen, und die Zauberformel entfaltet ihre Wirkung: Schon erscheint auf dem Bildschirm der Versicherte mit seiner Anschrift.
Vor allem die Tippfehler-Quote sinkt
Noch wichtiger als die kürzere Bearbeitungszeit, sagt die Sachbearbeiterin (die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte) sei für sie, dass die Tippfehler-Quote und auch die Gefahr von Namensverwechslungen deutlich gesunken ist.
Axel Möller dagegen schätzt andere Vorteile an der EVB als die kleine Zeitersparnis. „Mal angenommen: Ein Kunde, der weit von mir entfernt wohnt, wollte von heute auf morgen ein Auto zulassen“, erklärt er, „dann musste ich ihm bisher entweder die Doppelkarte bringen oder er musste zu mir kommen und sie abholen.“ Auf dem Postweg würde das zu lange dauern, auch per Internet gab es bisher Schwierigkeiten: Viele Zulassungsstellen akzeptieren keine Doppelkarten, die per E-Mail versendet und vom Empfänger ausgedruckt wurden.
Der elektronische Bestätigungscode macht diesen Weg nun überflüssig. Ein Anruf genügt, Möller spricht das Zauberwort in den Telefonhörer – und sein Kunde braucht es sich nur zu notieren und am kommenden Tag bei der Zulassungsstelle aufzusagen, dann ist der versicherungstechnische Teil erledigt. Und natürlich lässt sich der Zaubercode auch problemlos per E-Mail versenden.
Allerdings gibt es auch hier Einschränkungen: „So einfach funktioniert das nur bei Leuten, die ich gut kenne oder die ihre Versicherungsbeiträge immer pünktlich bezahlt haben“, sagt Möller. Fremden Kunden gegenüber würde der Versicherungsfachmann aus Rohr eben so wenig einen Code durchs Telefon geben wie solchen, von denen er weiß, dass sie Beitragsschuldner sind – bei denen läuft ohne unterschriebenen Versicherungsvertrag gar nichts.
Versicherungen erwarten weniger Betrug
Schwarze Schafe gebe es zwar immer, sagt er, ist sich aber sicher: „Mit der EVB wird es bestimmt weniger Versicherungsbetrug geben als vorher.“
Johannes Heß, Leiter der Meininger Zulassungsstelle, kann ihm da nur Recht geben. „Die meisten Vorteile bei der EVB haben die Versicherungen. Ein Missbrauch der Codes ist ausgeschlossen“, erklärt er. Und erklärt dann einen gängigen Trick der Versicherungsbetrüger, der nun nicht mehr funktionieren wird: „Manche haben sich mehrere Doppelkarten bei verschiedenen Versicherungen geholt und dann ein Auto angemeldet. Jedes Mal, wenn eine Versicherung gemeldet hat, dass die Beiträge nicht bezahlt sind, haben sie die Doppelkarte einer anderen Versicherung vorgezeigt und behauptet, dass sie sich jetzt dort versichern wollen.“
Das geht mit der Zauberformel nicht mehr: Wenn die in der Zulassungsstelle in den Computer eingegeben und aktiviert wird, dann ist der Vertrag mit der jeweiligen Versicherung bindend. Die Codes sind übrigens zeitlich nur begrenzt gültig und verfallen, wenn sie nicht nach einer kurzen Frist aktiviert werden.
Die elektronische Datensicherung wird langfristig weitere Vorteile mit sich bringen. Johannes Heß zeigt einen beschrifteten Umschlag im A 5-Format, eine so genannte Ofa-Tasche: „In solchen Taschen bewahren wir die Daten jedes bei uns zugelassenen Fahrzeugs auf“, sagt er. Riesige Schränke sind mit diesen Umschlägen gefüllt, die irgendwann – mit Hilfe der Zauberformel – überflüssig werden sollen: „Wir wollen darauf umsteigen, in Zukunft alle Zulassungen gänzlich papierlos zu archivieren“, sagt Heß.
Bis der Papierkram komplett entfällt, wird aber noch eine Menge Zeit vergehen. Denn erst einmal müssen die Zulassungsbehörden – allen voran die in Südthüringen – die technischen Voraussetzungen dazu erfüllen. Am ersten März wurde die EVB offiziell eingeführt, doch einige Kfz-Zulassungsstellen und sogar einige Versicherungen wissen noch nichts Rechtes damit anzufangen. So funktioniert die EVB noch längst nicht in allen Südthüringer Ämtern, sondern bisher nur in den Zulassungsstellen in Suhl, im Landkreis Schmalkalden-Meiningen und in Bad Salzungen.
Geschlossen wegen Software-Umstellung
n den kommenden Monaten wollen auch die Zulassungsstellen im Ilmkreis, in Hildburghausen und in Sonneberg nachziehen.
Noch bis zum Jahresende läuft daher die Übergangsfrist, in der die bisherige Versicherungsbestätigung auch ohne einen EVB-Code zur Kfz-Anmeldung ausreicht. Software-Umstellungen sind meistenorts das Problem, das die Leiter der Zulassungsstellen gerne als „noch nicht ausreichende technische Möglichkeiten“ beschreiben. „Die Umstellung kostet Geld, es muss in Computer-Technik und Software investiert werden. Und alle Zulassungsbehörden müssen untereinander und auch mit dem Bundeskraftfahrtamt vernetzt sein“, ist vom Verband der Versicherer zu erfahren. In Meiningen hat es laut Fachdienstleiter Johannes Heß viereinhalb Stunden gedauert, die Software der Zulassungsstelle auf den neuesten Stand zu bringen. Lediglich einen Vormittag lang blieb das Amt deswegen geschlossen.
Gut angenommen wird die Codenummer seit dem ersten Tag ihrer Einführung: „Von zehn Leuten, die heute ein Auto zugelassen haben, kamen bestimmt schon zwei oder drei mit dem Code zu uns“, sagt Heß. Seine Sachbearbeiterin hebt den Kopf und korrigiert: „Mittlerweile sind es sicher schon sieben von zehn.“ Ausnahmen bestätigen die Regel: Eine Frau kommt zum Schalter und hält neben dem Fahrzeugbrief eine Doppelkarte ohne Code bereit. Offenbar muss sich die Sache mit der Zauberformel erst noch herumsprechen – nicht nur bei Autobesitzern und in den Zulassungsstellen, sondern auch bei einigen Versicherungen.
Noch nicht alle Mitarbeiter wissen Bescheid
Denn die telefonische Anfrage bei einem großen deutschen Direkt-Versicherungsunternehmen zeigt, dass offenbar noch längst nicht alle Service-Mitarbeiter in die Geheimnisse der neuen EVB eingeweiht sind. „Gehört habe ich davon. Ich muss erst nachfragen, ob wir so etwas auch schon anbieten…“
Die Männerstimme am anderen Ende der Leitung wird nervös: „Bleiben Sie mal bitte dran . . . doch, mein Kollege sagt, so einen Nummerncode bekommen Sie bei uns per E-Mail. Oder wollen sie ihn gleich telefonisch?“
[Quelle: www.freies-wort.de/nachrichten/thueringen]
